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Alemannische Lautentwicklung

September 6, 2012

Wie in früheren Beiträgen geht es hier darum, wie mithilfe von Lautgesetze neue Worte erstellt werden können. Zuerst werde ich euch nach und nach einige Lautgesetze zeigen.

Ich weiß nicht ob es bei allen alemannischen Dialekten so ist, aber zumindest bei vielen hören Zeitwörter, die auf Deutsch mit ‚-ehen‘ oder ‚-ähen‘ aufhören mit ‚-aaia‘ auf. Das ‚-a‘ am Schluss ist nur in manchen Gegenden ‚-a‘, die Entsprechung von ‚-en‘ ist vielerorts ‚-e‘, aber es gibt auch andere, wie ‚-o‘.

An den Beispielen ‚traaia‘, ‚maaia‘, ’naaia‘ sieht man gut, dass es sich um eine Parallele zu Holländisch handelt, wo sie ‚draaien‘, ‚maaien‘ und ’naaien‘ heißen. Wie es dazu gekommen ist, weiß ich noch nicht, aber dass ‚aai‘ an diesen Stellen, an so weit von einander entfernten Orten vorkommt, deutet darauf, dass diese Entwicklung schon sehr alt ist.

Alemannisch hat gegenüber Bayrischem ‚ia‘ und Mittelhochdeutschen ‚ie‘ in manchen Wörtern langes ‚ü‘. Der Grund dafür, dass nicht immer ‚ia’/’ie‘ kommt liegt weit in der Vergangenheit, vor der althochdeutschen Lautverschiebung. Im Altalemannischen hatte sich ‚eo‘ vor germanischem ‚p‘, ‚k‘, ‚g‘ oder ‚f‘ zu ‚iu‘ gewandelt, welches noch in althochdeutscher Zeit zu gesprochenem langem ‚ü‘ wurde.

Man sagt ‚Liecht‘ weil, hier das ‚ch‘ schon vor der Lautverschiebung so geklungen hat, aber ‚chrüüche‘, weil dieses ‚ch‘ einst ‚k‘ war.

Im Gegensatz zu der Sache mit dem ‚aai‘ habe ich diese Entwicklung erklärt bekommen.

In die Entlehnung ‚riacha‘ von ‚riechen‘ wurde ‚üü‘ nicht übernommen. Das Erbwort ‚rüücha‘ ist in der älteren Bedeutung ‚rauchen‘, ‚dampfen‘, ‚müffeln‘ erhalten geblieben. Flieger heißen an manchen Orten ‚Vlüüger‘ und an anderen ‚Vliager‘.

Ob es alemannische Dialekte gibt, die nur ‚ia‘ oder ‚ie‘ haben, weiß ich noch nicht.

Kürzlich ist mir aufgefallen, daß in vielen alemannischen Dialekten die Verteilung von ‚oo‘ und ‚au‘, der von holländischem ‚oo‘ und ‚auw‘ entspricht. Die Schreibweise ‚au‘ habe ich nur zur Einfachheit gewählt, man sagt aber auch ‚ao‘ oder ‚ou‘. Beispiele sind ‚blau‘ – ‚blauw‘, ‚grau‘ – ‚grauw‘, ‚lau‘ – ‚lauw‘, ‚Tau‘ – ‚dauw‘ und ‚Oog‘ – ‚oog‘, ‚Loog‘ –  ‚loog‘, ‚Rooch‘ – ‚rook‘. Sowohl das alemannische, auch das holländische lange ‚oo‘ ist bei manchen Wörtern gekürzt worden. Bei Alemannisch etwa, wie auch langes ‚uu‘ und ‚üü‘, vor ‚m‘.

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10 Kommentare
  1. augadauro permalink

    Zu „maaia“ etc. Zur Beseitigung des Hiatus von „a/ä“ zu „a“ wurde vereinzelt im Althochdeutschen, jedoch häufiger während des Übergangs vom Alt- zum Mittelhochdeutschen und v.a. im Mittelhochdeutsch zunehmend im deutschsprachigen Raum ein hiatustilgendes „j“ (vielleicht analog zu den schwachen Verben im Ahd. und davon ausgehend verstärkt?) eingefügt. Parallel dazu existierten aber auch alte oder kontrahierte Formen wie z.B. „mä-ä“ oder kontrahiert „mä“. Dieses „j“ ist im Verlauf des Mittelhochdeutschen in den meisten Dialekten wieder verschwunden.

    Die Parallele zum Niederländischen ist nach meiner Einschätzung eher eine Art parallel verlaufene Entwicklung, die womöglich durch Sprachkontakt zustandegekommen sein könnte.

  2. Hier ist noch eine Weisung zur Schreibung von Landschaftsnamen in der Schweiz. Die habe ich kürzlich entdeckt. Vor allem geht es darum, daß man so schreiben soll, daß sich die Leute denken können, wie die Aussprache im Dialekt wäre. Es steht auch etwas wegen Diphthongierung am Wortende und vor folgendem Silbenkern. Mir ist das selbst schon aufgefallen, aber ich bin froh, daß das auch sonst bekannt ist, weil ich mir nicht ganz sicher war.

    http://www.cadastre.ch/internet/cadastre/de/home/docu/kva/ks.parsys.10024.downloadList.70564.DownloadFile.tmp/weisungengeografischenamende.pdf

    Übrigens habe ich inzwischen angefangen öfter ‚ß‘ zu verwenden, weil ich es hübsch finde. Bei alemannischen Dialekten hat ‚ß‘ den Vorteil, daß man es verwenden, um ‚-ßt‘ von ‚-st‘ zu unterscheiden. Gerade bei ‚du ist‘ und ‚er ißt‘ ist es nützlich. Ich nehme verwende kein ’scht‘, weil es man so wie so immer ein ’sch‘ vor ‚t‘ sagt.

    Das von Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch wußte ich noch nicht.

    • augadauro permalink

      Die Diphthongierung am Wortende bzw. Silbenauslaut wird auch dort im Dokument in Klammern als Hiatusdiphthongierung bezeichnet (S. 9). Das Prinzip ist im Grunde dasselbe, wie in meinem obigen Kommentar und ist wohl auch ähnlich abgelaufen, nur eben nicht (nur) in Bezug auf Verben.

      ‚ß‘ verwende ich nicht, da ich finde, dass die Verwendung im Deutschland-Deutsch doch recht inkonsequent ist, bzw. ich für das Schweizer Hochdeutsch keinen Mehrgewinn erkenne, ob ich nun „isst“ oder „ißt“ schreibe.

  3. Seit der Rechtschreibreform ist die Verwendung konsequent, aber ich finde, daß das Schriftbild vorher mehr Schwung hatte. Ich glaube, daß das der Grund ist, warum man ‚ß‘ auch am Wortende und vor Mitlauten verwendet hat. Seit einpaar Jahren gibt es übrigens im Unicode auch ein großes ‚ẞ‘.

    Irgendwo habe ich gehört oder gelesen, daß der Unterschied zwischen großen und kleinen Buchstaben im Deutschen das Lesen leichter macht, es angenehmer anzusehen ist.

    Mir ist gerade eingefallen, daß augadauro Fenster heißt. Ich kenne eine ähnliche Form aus einem althochdeutschen Glossar.

  4. augadauro permalink

    ja, stimmt, du hast Recht: aus synchroner Sicht ist die Verwendung des ß nun konsequent. Mir ging es eher darum, dass das ß ursprünglich mal etwas mit der 2. Lautverschiebung zu tun hatte und sich das im Verlauf der Zeit immer mehr verlor und aus dieser stark diachronen Sicht inkonsequent wurde.

    • augadauro permalink

      Nachtrag: ja, augadauro ist aus der got. Bibel. Wie lautet die Form im ahd. Glossar?

  5. Augatora. Ich verstehe nicht, was du mit deiner Erklärung zu ß meinst.

  6. augadauro permalink

    Im Zuge der 2. Lautverschiebung wurde /*t/ zu /s/ bzw. /ss/, das wurde dann in Abgrenzung zum germanischen ererbten /s/ bald als „sz“ geschrieben. Daraus entstand die Ligatur „ß“. Das germanisch ererbte /s/ wird sowas wie ein stimmloser alveolarer Frikativ gewesen sein, wohingegen das Lautverschiebungs-„sz“ eher als ein stimmloser alveo-palataler Frikativ ausgesprochen wurde. Als dann irgendwann zunehmend nicht mehr klar war, welches /s/ einem Wort zugrunde liegt, wurde das ß zunehmend inkonsequent genutzt, bis es dann im Zuge der neuen Rechtschreibreform vereinheitlicht wurde, jedoch nicht unter sprachgeschichtlicher Perspektive.

  7. In älteren neuhochdeutschen Texten ist ‚ß‘ und ’ss‘ nochmal anders verteilt, als vor der Rechtschreibreform. Ich werde einpaar Beispiele suchen, aber noch nicht gleich. Ich würde gerne einmal eine ganz alte Rechtschreibung lernen. Besonders gefällt mir, daß es Zeiten gab, wo man jedes frühere lange ‚i‘ als ‚ei‘ und die anderen ‚ei‘ als ‚ai‘ geschrieben hat.

    • augadauro permalink

      Gerade in älteren Nhd.-Texten ist die Verteilung halt auch durch etliche Ausnahmen geprägt. Aber für mich ist das Meiste so ab 1200 eigentlich eher peripher interessant.

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